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19.07.05: RTL II „Endlich schuldenfrei“ – Abschreckende Wirkung für Betroffene!? Schuldnerberater kritisieren Darstellung der Beratung
Werner Just, Schuldnerberatung, Sozialdienst Kath. Männer Köln und Vertreter des Deutschen Caritasverbandes in der Arbeitsgemeinschaft „Schuldnerberatung der Verbände“ (AG SBV) Thomas Seethaler, Schuldnerberatung, Caritasverband Heidelberg
Die am 12.07.2005 in RTL II ausgestrahlte 1. Folge der Reihe „Endlich schuldenfrei“ vermittelt ein völlig falsches Bild über das methodische Vorgehen in der Schuldnerberatung und die betroffenen Menschen. Es ist ernsthaft zu befürchten, dass Überschuldete, die diese Sendung gesehen haben, zukünftig den Weg zur Schuldnerberatung meiden. Die in der Sendung präsentierte Familie wurde als „die Asozialen im Dorf“, die nicht mit Geld umgehen können, über ihre Verhältnisse leben und dumm sind, dargestellt. Folglich brauchen sie jemanden, der ihnen sagt, wo es lang gehen soll. Ein selbständiger Schuldnerberater und eine Haushaltsexpertin sind diese „Retter“, die die Beratungssequenzen überwiegend methodisch direktiv und konfrontativ gestalteten. Originalton des Schuldnerberaters: „Das kann so nicht laufen“, „Ich verlange von Ihnen Disziplin“, „Diese Rechnung wird jetzt bezahlt“. Die Haushaltsexpertin überprüfte das gesamte Haus auf Einsparpotenziale, vor allem beim Energieverbrauch. Ihre als Tipps formulierten Vorschläge, wie Energiesparlampen einzusetzen, zu duschen statt zu baden und die Haare nicht zu föhnen, sondern an der Luft zu trocknen und einen Gemüsegarten anzulegen, sind tatsächlich als Anweisungen gemeint. Weil die sicherlich notwendigen Veränderungen bei den Schuldnern nicht gemeinsam mit diesen erarbeitet, sondern als direktive Forderungen und Anweisungen vermittelt wurden, wundert es den Fachmann nicht, dass die Betroffenen dem nicht nachkamen. Die beiden Berater werteten dies wiederum als Zeichen von Unzuverlässigkeit bzw. mangelnder Kooperation. Es wurde von den Beratern völlig außer Acht gelassen, dass menschliche Verhaltensänderungen nicht per Anordnung zu erzielen sind, sondern nur aus gewonnener Einsicht nachhaltig wirken. In der Sendung analysierten die beiden Berater alleine die Situation der Familie. Diese wurde nicht mit einbezogen und nach ihren Prioritäten befragt. Diese setzte Neumann für die Familie.
Ob die darin enthaltenen Wertungen sich mit denen des Ehepaares decken, darf stark bezweifelt werden. Ein solches Vorgehen widerspricht dem Selbstverständnis von Schuldnerberatung, die darauf aufbaut, dass Ziele, Schritte und Vorgehen in einem gemeinsamen Beratungsprozess zwischen Berater und Klient vereinbart und umgesetzt werden. Ergebnisvorgaben durch Dritte oder Steuerungsvorgaben von außen verletzen solche Grundsätze und führen dazu, dass letztendlich das Beratungsziel „Schuldenfreiheit“ nicht erreicht wird. Im Rahmen einer „normalen“ Schuldnerberatung hätte die Familie die Schuldnerberatung wahrscheinlich abgebrochen, indem sie weitere Termine nicht wahrgenommen hätte. Vorliegend war sie jedoch weiter den Kameras ausgesetzt, die sie dem Publikum regelrecht vorführten.
Selbst ein Entschuldungskonzept war in dem Beitrag lange Zeit nicht erkennbar. Zwar telefonierte der Schuldnerberater mit einigen Gläubigern, um diese zu Forderungsnachlässen zu bewegen. Es war jedoch nicht erkennbar, was er konkret erreichte, und wie denn die Familie ggf. reduzierte Forderungen mit Raten begleichen sollte. Gegen Ende der Sendung war dann plötzlich die Rede davon, dass ein außergerichtlicher Einigungsversuch und bei dessen Scheitern die Durchführung des Insolvenzverfahrens vorgesehen war. Erklärungen, wie diese Verfahren funktionieren, blieben vollkommen aus. Zudem wurde offensichtlich ein Vorschlag vorbereitet, der Zahlungen aus dem unpfändbaren Einkommen über eine Laufzeit vorsieht, die wesentlich länger dauert als ein Verbraucherinsolvenzverfahren. Ein solches Vorgehen ist damit aber sehr erklärungsbedürftig, was jedoch vollkommen unterlassen wurde.
Die Chance, auf die dubiose Vorgehensweise von gewerblichen Schuldenverwaltungsgesellschaften einzugehen, denn offensichtlich war die Familie einer solchen Gesellschaft aufgesessen, wurde ebenfalls nicht genutzt. Man hätte an dieser Stelle die Zuschauer aufklären und eindringlich vor diesen Unternehmen warnen müssen.
Insgesamt ist die Art und Weise zu kritisieren, wie die Familie dargestellt und welches Bild von Schuldnerberatung vermittelt wurde. Die Schuldnerberatung bei den Wohlfahrtsverbänden, die überwiegend Sozialarbeiter und Sozialpädagogen in der Beratung einsetzen, arbeitet methodisch völlig anders. Noch nicht einmal die Chance zur Verbraucheraufklärung (Insolvenzverfahren, gewerbliche Schuldenregulierung) wurde genutzt. Auf eine solche Art der Berichterstattung zum Thema Überschuldung, die Millionen von Menschen in Deutschland betrifft, kann man getrost verzichten.
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